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4. März 2023
Vom Online-Briefträger
3. Juni 2023

Die einen tun ihre Mei­nung kund, die ande­ren las­sen sich davon inspi­rie­ren. In den sozia­len Medi­en, in Web­i­na­ren, bei Vor­trä­gen. Tag­ein, tag­aus. Und obwohl das so beliebt ist, wun­dern sich bei­de Grup­pen, dass sie kei­nen Nut­zen davon haben. Vor­red­ner kön­nen man­gels ech­ter Dis­kus­si­on in ihrer Bla­se kei­ne neu­en Gedan­ken ern­ten, wäh­rend ihre inspi­rier­ten Zuhö­rer nichts gewin­nen, weil Ver­än­de­rung, Neu­es und Wachs­tum mehr erfor­dern, als nur eine gute Idee zu hören. Wes­halb die­se sich gern dar­auf ver­le­gen, die gehör­ten Mei­nun­gen ein­fach wei­ter­zu­er­zäh­len und damit einen gebil­de­ten Ein­druck zu vermitteln.

Was hin­ge­gen zum „Machen“ dazu­ge­hört, dar­über wur­de bereits viel geschrie­ben. Lei­der wer­den immer nur ein­zel­ne Facet­ten erwähnt: „Habe mehr Mut“, „frag doch ande­re“, „keep try­ing“. Und alles spielt sich im Appell­for­mat ab. An die­ser Stel­le wol­len wir des­halb alle Schrit­te zusam­men­tra­gen, die eine gute Idee bis zu ihrer erfolg­rei­chen Umset­zung durch­lau­fen muss: Am Anfang steht die Idee selbst. Derer gibt es heu­te viel zu vie­le, schließ­lich wir wer­den den gan­zen Tag mit neu­en und wie­der­ge­kau­ten Gedan­ken berie­selt. Da bleibt nur wenig Raum, und doch kön­nen wir mach­mal auch sel­ber neue Gedan­ken fas­sen. In jedem Fall müs­sen wir im ers­ten Schritt unse­ren inne­ren Kri­ti­ker ruhig­stel­len. Der immer­zu Din­ge wie „das ist eh nichts für Dich“, „das schaffst Du nicht“, „das dau­ert zu lan­ge“ oder „das ist zu schwer“ zum Bes­ten gibt.

Ist uns das ein­mal gelun­gen, muss sich im Raum zwi­schen Ist­zu­stand und der Vor­stel­lung zur Zukunft ein­schließ­lich umge­setz­ter Idee ein Span­nungs­feld auf­bau­en. Die­se bewusst wahr­ge­nom­me­ne Abwei­chung zwi­schen Soll und Ist erzeugt eine Unru­he, die uns mit Ener­gie ver­sorgt und die uns immer wie­der zu dem­sel­ben Gedan­ken zurück­keh­ren lässt. Ganz so wie es Her­bert Grö­ne­mey­er in sei­nem Lied „angst­frei“ besingt: „In der Unru­he liegt die Kraft.“ Ohne Span­nungs­feld und Unru­he gerät trotz aller Ver­hei­ßung jede Idee irgend­wann in Ver­ges­sen­heit, heu­te, mor­gen oder danach. Idea­ler­wei­se kön­nen wir sogar einen Zustand errei­chen, in dem wir von uns sagen, dass wir uns das Errei­chen des neu­en Zustands regel­recht in den Kopf gesetzt haben.

Das hilft uns näm­lich auf den nächs­ten bei­den Etap­pen unse­rer Rei­se, denn dort war­tet zunächst ein guter alter Bekann­ter auf uns, unser inne­rer Schwei­ne­hund. Er ist spe­zi­ell dar­auf abge­rich­tet, die inne­re Unru­he zu neu­tra­li­sie­ren und jede Idee abzu­trei­ben, bevor sie uns tat­säch­lich Ener­gie kos­ten kann. Indem er immer­fort flüs­tert „das brauchst Du gar nicht. Lass das, das brauchst Du nicht.“

Haben wir auch die­ses Level erfolg­reich absol­viert, sind wir end­lich bereit, die neu­en Gedan­ken mit unse­rer Umwelt zu tei­len. Und lan­den direkt in der Her­den­fal­le. Denn unse­re Liebs­ten, Freun­de und Kol­le­gen haben eben­so wenig wie unse­re inne­ren Fein­de Ver­ständ­nis, dass wir jetzt so viel Ener­gie in die­se Schnaps­idee ste­cken wol­len. Egal, ob wir ihnen damit Stress berei­ten oder ein­fach nur davon­zie­hen wür­den. Und des­halb ver­kün­den auch sie ganz unver­blümt, dass wir „das ja gar nicht schaf­fen“ oder „brau­chen“ wer­den und über­haupt „lie­ber alles genau­so mach­ten wie sie.“ Der­art geer­det, ent­schei­den wir uns häu­fig, das Vor­ha­ben auf­zu­ge­ben und lie­ber unse­re Herden-Streifen anzu­be­hal­ten, um nicht von den Löwen gefres­sen zu wer­den (Jor­dan Peter­son).

Falls wir unse­re Rei­se fort­set­zen, sehen wir uns nicht sel­ten einer rich­tig gro­ßen Auf­ga­be gegen­über, die wir erst zer­le­gen müs­sen, bis der ers­te Schritt greif­bar und geh­bar wird. Meist haben wir ihn nicht selbst in der Hand und sind auf die Hil­fe ande­rer ange­wie­sen. Also müs­sen wir uns trau­en, auf sie zuzu­ge­hen, sie um Hil­fe zu bit­ten und ihnen unter Umstän­den etwas als Gegen­leis­tung anzu­bie­ten. In die­ser Pha­se besteht das größ­te Risi­ko dar­in, die Ener­gie, das Momen­tum zu ver­lie­ren, weil wir Umwe­ge neh­men oder auf irgend­wen oder irgend­et­was war­ten müs­sen. Dann den­ken wir idea­ler­wei­se immer wie­der an das initia­le Span­nungs­feld und machen Kom­pro­mis­se, um das Momen­tum um jeden Preis aufrechtzuerhalten.

Und den­noch gelingt das Gewünsch­te häu­fig nicht auf Anhieb. Da hilft es nur, die Anstren­gun­gen zu wie­der­ho­len und dabei die ein­ge­setz­te Ener­gie immer wei­ter zu erhö­hen, auch sehr unge­wöhn­li­che Alter­na­ti­ven, ers­te Schrit­te und ent­fern­tes­te Unter­stüt­zer in Betracht zu zie­hen. Und weil die Ener­gie der Schlüs­sel ist, ach­ten wir auch dar­auf, dass wir uns den Weg sel­ber nicht schwe­rer machen als nötig, indem wir uns über Rück­schlä­ge oder Umwe­ge ärgern und oder höchs­te Per­fek­ti­ons­an­for­de­run­gen an uns selbst stel­len. Fah­ren wir damit fort, bis wir alle mög­li­chen und unmög­li­chen Mög­lich­kei­ten tat­säch­lich erschöpft sehen, ist die Wahr­schein­lich­keit maxi­mal, auch Taten zu voll­brin­gen, die wir ganz objek­tiv nicht für mög­lich gehal­ten hätten.

Zum Abschluss soll­te noch erwähnt wer­den, dass nicht alle Din­ge, die sich im Tik-tok-Zeitalter als „machen“ begrei­fen las­sen, gleich schwie­rig sind und den­sel­ben Respekt ver­die­nen. Heu­te wird ja alles ger­ne in ein Töpf­chen gewor­fen und Haupt­sa­che schrill ser­viert. Man­che las­sen sich fei­ern, weil sie mor­gens auf­ge­stan­den sind, ein Buch gele­sen oder einem Käfer über die Stra­ße gehol­fen haben. Je grö­ßer oder unge­wöhn­li­cher ein Vor­ha­ben ist, je län­ger sich der Weg gestal­tet oder je mehr er die Koope­ra­ti­on oder Geduld ande­rer erfor­dert, des­to mehr der hier beschrie­be­nen Kom­po­nen­ten kom­men zum Tra­gen und des­to umsich­ti­ger und hart­nä­cki­ger muss das Vor­ge­hen gestal­tet wer­den. Im Umkehr­schluss kann jeder von uns, der sich die­ser Hin­der­nis­se bewusst ist und sie geschickt zu umge­hen weiß, ver­gleich­bar gro­ße Erfol­ge erzielen.

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Unsplash.com / Clark Tibbs

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