Die 4 Ebenen der Meisterschaft

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In die­ser Woche hat sich unse­re ört­li­che Agi­le User Group wie­der getrof­fen. Und so enga­giert, nett und cool die Leu­te dort sind („ich bin nur zum Essen hier“), so sehr über­rascht mich immer wie­der das schwach aus­ge­präg­te orga­ni­sa­to­ri­sche Urteils­ver­mö­gen, das gera­de bei Agi­lis­ten die Regel scheint. Ver­bun­den mit dem For­mat „Open Space“ (kei­ner hat sich vor­her Gedan­ken gemacht, uns wird schon etwas ein­fal­len, womit wir die Stan­dard­agen­da fül­len kön­nen) ent­ste­hen nur sel­ten und zufäl­lig wert­vol­le neue Erkenntnisse.

Das per­sön­li­che Urteils­ver­mö­gen kor­re­liert natur­ge­mäß stark mit dem Grad der orga­ni­sa­to­ri­schen Meis­ter­schaft: Auf der ers­ten Stu­fe sind wir ledig­lich in der Lage, unse­re Pro­ble­me zu beschrei­ben. Die­se Ebe­ne beherr­schen die aller­meis­ten von uns bereits nach kur­zer Zeit im Berufs­le­ben. Auf der zwei­ten Ebe­ne kön­nen wir die zu einem Pro­blem pas­sen­de Metho­de benen­nen (Kei­ne Trans­pa­renz? Pro­biert doch mal ein Dai­ly Mee­ting). Das ist schon ein wesent­li­cher Fort­schritt. Pro­ble­ma­tisch ist, wenn das Den­ken auf die­ser Stu­fe endet, ohne zu erken­nen, dass hier noch kei­nes­falls Schluss sein kann. Denn, um Metho­den zu ken­nen, braucht man heu­te nur ein biss­chen im Inter­net zu sur­fen oder eines der vie­len Bücher zum The­ma zu lesen. Da steht letzt­lich alles drin.

Aller­dings kön­nen wir eine ver­mit­tel­te Metho­de nur exakt so anwen­den, wie wir das gele­sen haben. Im Fal­le von Wider­stän­den oder spe­zi­fi­schen Bedin­gun­gen wis­sen wir nicht, wor­auf es wirk­lich ankommt und wie ziel­füh­ren­de Anpas­sun­gen aus­se­hen kön­nen. Dabei sind die Mög­lich­kei­ten zur Varia­ti­on oft gren­zen­los. Wir brau­chen dann im bes­ten Fall meh­re­re Anläu­fe, bis wir unse­rem Ziel näher kom­men und die Begleit­erschei­nun­gen, Irri­ta­tio­nen oder Ver­schwen­dun­gen tole­rier­bar wer­den. Im schlimms­ten Fall wird die Metho­de dabei ver­stüm­melt, bis sie nicht mehr funk­tio­niert oder wir ver­wer­fen sie kom­plett. Der agi­le Metho­den­kof­fer ver­brei­tet sich exakt auf die­se Wei­se. Das ermög­licht zwar ein eine hohe Ver­brei­tungs­ge­schwin­dig­keit, aller­dings zu dem Preis der gerin­ge­ren lang­fris­ti­gen Akzeptanz.

Auf der drit­ten Ebe­ne wis­sen wir, dass es immer meh­re­re Alter­na­ti­ven gibt, ein Ziel zu errei­chen, eine Metho­de anzu­wen­den bzw. das kon­kre­te Vor­ge­hen aus­zu­ge­stal­ten. Wir sind dann in der Lage, die ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen der Metho­de zu erläu­tern und ken­nen ihre jewei­li­gen Vor- und Nach­tei­le. Und wir kön­nen sagen, wel­che der Lösun­gen am häu­figs­ten gewählt wird, wor­auf zu ach­ten ist oder was in Kom­bi­na­ti­on der wesent­li­chen Para­me­ter theo­re­tisch beson­ders gut geeig­net ist. Das ist in etwa das Niveau, auf dem wir mit etwas Glück in einem geho­be­nen Elek­tronik­markt bera­ten wer­den. Auf die­ser Stu­fe ver­ste­hen wir deut­lich bes­ser, was war­um geschieht und die Wahr­schein­lich­keit, dass eine Lösung wirk­sam ist, d.h. passt und akzep­tiert bzw. ange­wandt wird, steigt deut­lich an. Vie­le Fach­leu­te ver­har­ren auf die­ser Ebe­ne, weil sie die theo­re­ti­sche Erör­te­rung bevor­zu­gen oder weil ihnen die Rück­kopp­lung aus der ech­ten Anwen­dung fehlt.

Auf der vier­ten Ebe­ne kommt dann lang­jäh­ri­ge Übung, Varia­ti­on von Per­spek­ti­ven und Anwen­dung in einer Viel­zahl von Kon­tex­ten ins Spiel. Wir sind in der Lage, auf Basis der kon­kre­ten Auf­ga­ben­stel­lun­gen, der Dyna­mik der jewei­li­gen Arbeit, der Moti­va­ti­ons­la­ge der Betei­lig­ten und unse­res pro­fun­den Erfah­rungs­wis­sens über die Wir­kung von Lösun­gen im Ide­al­fall auf Anhieb die rich­ti­ge Lösung und ein ziel­füh­ren­des Vor­ge­hen aus­zu­wäh­len. Wie ein Scharf­schüt­ze, der nicht nur weiß, dass er ein Prä­zi­si­ons­ge­wehr benö­tigt, der nicht nur ein sol­ches Gewehr bedie­nen kann, der nicht nur die Para­me­ter kennt, die ein­zu­be­zie­hen sind und erklä­ren kann, wel­che Geweh­re prä­zi­ser sind als ande­re, son­dern der auf­grund sei­ner Erfah­rung Ter­rain, Wind, Wet­ter, Kugel, Gewehr und sei­nen Kör­per in einer rea­len Situa­ti­on der­art tref­fend ein­zu­schät­zen in der Lage ist, dass er mit dem ers­ten Schuss trifft. Damit wird auch klar, dass eine Lösung auf Ebe­ne 4 direk­tes Erle­ben vor­aus­setzt und nicht dar­auf ver­traut, was jemand zwei­ter Hand über sei­ne Orga­ni­sa­ti­on oder Kol­le­gen zu berich­ten weiß. Auf Ebe­ne 4 fin­den wir deut­lich schnel­ler Lösun­gen, benö­ti­gen annä­hernd kei­ne Ite­ra­tio­nen und haben genau die Erfolgs­er­leb­nis­se, die zu einer hohen Ver­än­de­rungs­dy­na­mik führen.

Im täg­li­chen Leben begeg­nen wir heu­te über­wie­gend Exper­ten, die von einer Metho­de lesen, ihre Anwen­dung plau­si­bel fin­den und sie dann liken oder ande­ren zur Anwen­dung emp­feh­len. Oder davon erzäh­len, wie genau sie sel­ber eine gelern­te Metho­de anwen­den. Das ist alles Stu­fe 2. Wenn wir sie nach Details oder „war­um“ fra­gen, sagen sie „weil das so ist“ (oder „weiß ich nicht“, wenn sie ehr­lich sind). Für die, die dar­über hin­aus wol­len, gibt es nur einen Weg: Beob­ach­ten, lesen, zuhö­ren, fra­gen, den­ken und anwen­den. Immer wie­der. Und dabei ler­nen. In mög­lichst vie­len unter­schied­li­chen Kon­tex­ten. Dafür muss man Spaß haben an Orga­ni­sa­ti­on und Inno­va­ti­on. Und ehe jemand danach fragt: Auf dem Weg zu höchs­ter Meis­ter­schaft ist es wie immer im Leben, da gibt es kei­ne Abkürzungen.

Bild: uns­plash, Thao Le Hoang

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