Arbeitsteilung – das süße Gift

Das Märchen vom Fachkräftemangel
3. März 2020

Seit Men­schen­ge­den­ken ver­su­chen wir, die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern. Vor­nehm­lich dadurch, dass wir die Arbeits­tei­lung vor­an­trei­ben. Ein Vor­ge­hen, dass sich in der heu­ti­gen Zeit zum süßen Gift ent­wi­ckelt hat, mit dem wir unse­rer Pro­duk­ti­vi­tät nach­hal­tig scha­den.

Das liegt zunächst am sehr fort­ge­schrit­te­nen Grad der Arbeits­tei­lung. Heu­te haben wir nicht nur Abtei­lun­gen gebil­det, weil bei­spiels­wei­se ein Mon­teur und ein Buch­hal­ter ganz unter­schied­li­che Talen­te haben. Wir tren­nen auch zwi­schen dem Bear­bei­ten von Auf­ga­ben (Mit­ar­bei­ter) und dem Ent­schei­den (Chef). Selbst inner­halb von Abtei­lun­gen über­nimmt jeder immer die­sel­ben Auf­ga­ben, obwohl das auf­grund der jewei­li­gen Aus­bil­dung nicht erfor­der­lich wäre (mei­ne Kun­den, Dei­ne Kun­den). Und wenn jeman­dem sei­ne Arbeit zu viel wird, suchen wir einen wei­te­ren Mit­ar­bei­ter, der beson­ders jung und güns­tig ist und den­ken uns, dass er ja alle ein­fa­chen Auf­ga­ben über­neh­men kann (schwie­rig, ein­fach). Im Ergeb­nis geht die Arbeit durch extrem vie­le Hän­de, bis sie erle­digt ist.

Von nahem betrach­tet ist die­ses Vor­ge­hen äußerst effek­tiv. Jeder, der mit­macht, spe­zia­li­siert sich auf ein­zel­ne Auf­ga­ben und fin­det Wege, die­se immer schnel­ler zu lösen. Gemein­sam tref­fen wir lang­fris­ti­ge Abspra­chen, wer was macht, was jeweils zu tun ist, was wir bekom­men und was wir wei­ter­ge­ben. Und schon greift ein Räd­chen ins ande­re, ohne viel zu dis­ku­tie­ren.

Lei­der ent­spricht die­ses inge­nieurs­mä­ßi­ge Bild der Wert­schöp­fung nir­gend­wo der Rea­li­tät. In jeder Fir­ma ist das Kunden-/ Arbeits­vo­lu­men mal höher und mal nied­ri­ger. Und die Auf­ga­ben ver­än­dern sich, weil Kun­den­wün­sche sich ver­än­dern oder wir uns als ihre Pro­blem­lö­ser ver­ste­hen. Weil es Über­ra­schun­gen gibt – Din­ge nicht so sind, wie sie eigent­lich sein sol­len – weil wir Aus­nah­men machen oder wir uns ein­fach nur ver­än­dern wol­len.

In jedem die­ser Fäl­le müs­sen wir dafür sor­gen, dass alle Betei­lig­ten dar­über infor­miert sind, was anders ist. Und wir brau­chen sie dazu, eine Lösung zu fin­den. Wegen ihres Wis­sens oder damit sie zustim­men. Das treibt die Zahl der gegen­sei­ti­gen Stö­run­gen und not­wen­di­gen Mee­tings. Und schlim­mer noch: weil irgend­je­mand immer fehlt und jeder sei­ne eige­nen Zie­le hat, kön­nen wir uns oft nicht eini­gen und müs­sen meh­re­re Anläu­fe unter­neh­men. Und weil mit der Zunah­me der Arbeits­tei­lung der orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­wand expo­nen­ti­ell ansteigt, hat sie sich zum größ­ten prak­ti­schen Feind der Ver­än­de­rung ent­wi­ckelt.

Noch schlim­mer aber als die beob­acht­ba­ren Fol­gen sind die Neben­wir­kun­gen über­trie­be­ner Arbeits­tei­lung: jeder (ein­zig­ar­ti­ge) Spe­zia­list bil­det einen durch sei­ne Arbeits­zeit begrenz­ten Eng­pass. Bei schwan­ken­der Arbeits­men­ge, Urlaub oder Krank­heit explo­die­ren sei­ne uner­le­dig­ten Auf­ga­ben (Bestän­de), die Bear­bei­tungs­zei­ten und in der Fol­ge die Ver­schwen­dung. Schnell lie­gen Ter­mi­ne in der Ver­gan­gen­heit und die Trans­pa­renz weicht dem ope­ra­ti­ven Cha­os.

Das Gefühl, auf ein greif­ba­res und zure­chen­ba­res Ergeb­nis hin­zu­ar­bei­ten („mei­ne Maschi­ne“, „mein Kon­zept“, „die Lösung“) wird von der end­lo­sen Wie­der­ho­lung einer in sei­ner Bedeu­tung schwer ein­schätz­ba­ren Teil­ak­ti­vi­tät abge­löst. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Arbeit lei­det, Sinn­kopp­lung, Moti­va­ti­on und Sorg­falt gehen ver­lo­ren. Feh­ler und Nach­ar­beit neh­men zu.

Was mir aller­dings am schäd­lichs­ten scheint: Mit zuneh­men­der Arbeits­tei­lung hat der größ­te Teil aller Mit­ar­bei­ter kei­nen Kon­takt mehr zum Kun­den. Die Reso­nanz zum Markt wird zur Aus­nah­me und die Gesprä­che inner­halb der Fir­ma dre­hen sich in unna­tür­li­chem Maße um sich selbst.

Inzwi­schen sind Ver­än­de­run­gen und Neu­es in der Welt so domi­nant gewor­den, dass die Unpro­duk­ti­vi­tät in stark arbeits­tei­li­gen Fir­men mas­siv zuge­nom­men hat. Nur, dass die Schuld nicht bei der Arbeits­tei­lung, son­dern bei den Sym­pto­men gesucht wird: häu­fig stö­ren­den Kol­le­gen, vie­len E-Mails und der nicht enden­den Pro­zes­si­on von Mee­tings. Kon­zep­te wie „WOL“ und „360-Grad-Bearbeitung“ las­sen sich als ers­te Signa­le einer Gegen­be­we­gung ver­ste­hen, die der Erkennt­nis folgt, dass die Arbeits­tei­lung zum süßen Gift für unse­re Pro­duk­ti­vi­tät gewor­den ist.

 

Bild: unsplash.com, David Greenwood-Haigh